www.aiyoota.com eCommerce Online-Shop ShopSoftware CMS Content-Management-System WDPX-Frank Wollweber, 38855 Wernigerode, Germany
share Twitter share Facebook share email

: Bühnen :: Adam, das Theaterereignis :
Das Anhaltinische Theater Dessau zeigt Heinrich von Kleists Lustspiel "Der zerbrochene Krug". Mittendrin besticht Oliver Seidel als zackiger und schmieriger Dorfrichter

Text: Mathias Schulze; Bild: Claudia Heysel

„Zum Straucheln brauchts doch nichts als Füße." Wenn Heinrich von Kleists (1777–1811) Lustspiel „Der zerbrochene Krug" auf die Bühne geschickt wird, braucht es einen überzeugenden Dorfrichter Adam. In Dessau, in der Inszenierung von Generalintendant Johannes Weigand, gelingt Oliver Seidel als eben jener Adam etwas Besonderes.


Abstand
Worum geht es? Da erscheint Frau Marthe vor Gericht, ein Krug ist zerbrochen. War es Ruprecht, der Verlobte ihrer Tochter Eve? Oder war noch ein Anderer im nächtlichen Schlafgemach? Das abschüssige Bühnenbild mit Türrahmen ohne Türen, das von Moritz Nitsche erstellt ist, ist wahrlich sehenswert.

Zu Beginn hockt Adam schambehaftet auf der geneigten Ebene. Blut läuft ihm ins Gesicht, auf dem kahlgeschorenen Schädel klaffen zwei heftige Wunden. Es sind Wunden der letzten Nacht, Wunden der Flucht. Adam wird nun jenen Prozess führen müssen, der ihn selbst entlarvt. Denn gerade an diesem Tag wacht der Gerichtsrat Walter (Stephan Korves) über die juristischen Vorgänge. Es folgen Lügen, Ausflüchte und biblische wie literaturgeschichtliche Anspielungen.

Im Fokus steht eine Sprache, die in der deutschen Literaturgeschichte einzigartig ist. Und Oliver Seidel gibt einen quirligen, einen schmierigen und aalglatten Richter, der sich Schritt für Schritt in die Selbstherrlichkeit flüchtet. Wo soll er auch sonst hin? Je aussichtsloser seiner Lage, desto intensiver leckt die Zunge über die Lippen, desto nervöser lauert er auf jeden Atemzug, desto schmerzender wirken seine Verletzungen, die er sich beim Sturz aus Eves Zimmer zugezogen hat.

Seidels Augen jagen in die Köpfe des Publikums, eitel, grinsend und schlitternd ringt er um Fassung. Mit seinen teuflisch langen Zeigefingern versucht er eine Ordnung, also seine Herrschaft, herzustellen. So zieht er unsere Sympathie, so holt er jenen Schuss Wahnsinn, den diese Inszenierung dringend braucht. So können wir herzhaft über ihn lachen. Ein humoriges Stück.

Dabei wirken Adams taktierende Zwiegespräche mit den Beteiligten auf der offenen Prozessbühne wie ein Tanz. Anschmiegsam, turbulent, bedrohend. Stürzt er gleich jemanden von der geneigten Ebene? Illi Oehlmann, Mirjana Milosavljevic und Andreas Hammer überzeugen als Dorfbewohner, die mit der ganzen Kraft eines begrenzten Horizontes unsere Sympathie gewinnen. Die

Inszenierung verzichtet auf jeglichen Schnickschnack, auch das Interieur und die Kleider sind tief im 19. Jahrhundert verankert, alle biblischen Metaphern und modernisierende Ebenen müssen vom Publikum erschlossen werden. Oder auch nicht. Da fällt mal gleißendes Licht durch die Tür – derweil der Eintretende als riesiger Schatten erscheint. Wenn Frau Marthe ihren Krug bis ins kleinste Detail vorstellt, gibt es auch mal eine Slapstick-Szene. Ansonsten wird minimalistisch erzählt. Ein Wagnis oder eine Chance? So etwas funktioniert nur, wenn die Schauspieler das Stück tragen. Und genau das schaffen sie.

Der zerbrochene Krug, nächste Vorstellungen am 5. Mai um 19 Uhr und am 11. Mai um 17 Uhr, Anhaltisches Theater Dessau

Abstand
Abstand

Abstand
Abstand
Published by 17 Published by     Filed in 141 Filed in Bühnen
Abstand
blog comments powered by Disqus