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: Bühnen :: Willkommen im Kopfsalat :
Das Stück „Und am Anfang war Sex. Oder warum wir aufbegehren", das unter dem derzeitigen Kapitelnamen „Neu beginnen" im neuen Saal des WUK-Theaters läuft, vermag nicht durchgängig einzuhalten, was es verspricht. Eine Bühnenkritik

Text: Mathias Schulze; Bild: Nikita Skopincev

Anfangs läuft alles nach Plan. Im neuen, großen WUK-Theatersaal hängen im Januar noch die Notausgangsschilder schief. Da ein paar Löcher, dort bröckelnder Putz, das Kapitel „Neu beginnen" wird eingeläutet. Ein wunderbarer Charme, eine atmende Aufbruchsstimmung.

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Zu Beginn der Eigenproduktion „Und am Anfang war Sex. Oder warum wir aufbegehren" hämmert aus den Lautsprechern die Gier. In der Inszenierung von Tom Wolter stecken die Schauspieler Ada Biljan, Christoph Minkenberg, Lena Mühl, Tomy Suil, Nicole Tröger und Niklas Wacker in schwarz-weißen Anzügen.

Das Outfit schmeckt nach öffentlichem Auftritt. Im Inneren fließen die Säfte. Anfangs wird dem Trieb eine künstlerische Form gegeben, rasant knallen die Bewegungen bis in die letzte Reihe. Da wird geboxt, da läuft sich das Testosteron heiß, da fallen diese anmaßenden Blicke, die die Machtspiele der Lust herausfordern. Überwältigungs- und Unterwerfungsgesten. Alle wollen alles, alle flüchten, alle streifen den potenziellen Geschlechtspartner nur beiläufig. Ewige Gesetze, ein Festhalten lässt die Eroberungslust verschwinden. Wortfetzen fliegen: Ficken und liebkosen. War das gerade ein Orgasmus – oder ein Babyschrei? Ein intensiver, ein toller Auftakt!

Anschließend kommen die Stühle aufs Parkett, eine Tagung unter dem Motto „Mehr Sex, weniger Tabus" wird eingeläutet. Schon kriecht der reflektierende Verstand aus allen Poren. Was sind das für Leute? Aha, ein Moderator, eine feministische Aktivistin, ein Sexualpädagoge, eine Erfolgsautorin, ein TV-Star aus Lateinamerika. Was wollen die? Fortan wird jeder seinen Körper vorstellen, von der Vulva bis zur Hornhaut.

Dass pornografische Exzesse und idealisierte Körpermaße wenig bis gar nichts mit der Mehrheit der Menschen zu tun haben, leuchtet ein. Und doch fallen viele dem Druck zum Opfer. Oversexed and underfucked.

Es folgt ein Sprechtheater. Monologbrocken, die deutlich kürzer sein könnten, sorgen für Leerläufe. Immerhin fordern sie den Verstand. Die Erfolgsautorin hält eine Rede, das Fazit, wonach man die Lust fern von Schubladen entdecken soll, erinnert an die sexuellen Befreiungskämpfe der 68er Jahre. Aber sind wir nicht schon 50 Jahre weiter? In der „Sorge dich nicht, lebe"-Bücherindustrie vielleicht noch nicht. Jeder wird fortan seine Rede halten. Workshops statt Neubeginn. 
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„So elementar Phänomene wie Sex und Begehren sind, so elementar könnte auch ein entsprechender Theaterabend die Seele packen.“

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Da wird das Gender-I laut ausgesprochen, da wird beweihräuchernd applaudiert: „Danke, danke für Ihre Nachfrage!" Ramos, der Sex-Jesus aus Südamerika, personifiziert jene südländische Lust, die den deutschen Kartoffeln abgehen soll. Klischee oder Wirklichkeit? Die Aktivistin fordert die Abschaffung der Ehe als Institution, geifernd sagt sie viele richtige Dinge. Der Pädagoge mit Zimtlatschen- Charme spricht betroffen und nervend darüber, wie die digitalen Angebote nicht nur jugendliche Beziehungen schädigen. Ein ernstes Thema.

Was ist das hier? Ein bitterböser Spott auf eine Moderne, die lustfeindliche Optimierungsseminare zelebriert? Aber ist nicht Satire jener augenblicklich explodierende Witz, der im Falschen sofort auf das Richtige verweisen kann? Hier entsteht aber ein Schwimmen und Schweben, denn über den vorgeführten Kongress-Hanseln liegt, warum auch immer, ein heiliger Ernst. Ist das eine Inszenierungsabsicht?

Anstatt in den Sessel gedrückt zu werden, rattert der Verstand, ein Rätselraten. Willkommen im Kopfsalat. Hereinspaziert in ein Diskurstheater. Die anfangs intensiven Eindrücke sind längst verschwunden. Es entsteht ein Abend, der zwar den Kopf fordert, aber den Bauch verhungern lässt.

So werden auch die nonverbalen Spiel- und Balzszenen von vernünftigen Fragezeichen verschlungen. Dabei sollen sie doch die plappernden Diskurse aufreißen, ihnen ein ambivalent vibrierendes und ehrliches Blut schenken. Oder etwa nicht? Man kann diese rationalen Unterminierungen auch atmosphärische Störungen nennen. So geht man mit abstrakten Gedanken und Fragen in die Nacht. Zweifelsohne, auch das ist eine Leistung.

Versprochen wurde aber ein vehementer, stürmischer und rhythmischer Theaterabend. Geworben wurde mit Reizwörtern: Sex, Begehren. Nehmen wir nur das Wort Neubeginn? Schmeckt dieser Begriff, der kein Begriff ist, sondern eine menschliche Erfahrung, nicht nach Geburtsschmerzen? Wir alle waren schon einmal im Kreißsaal des Lebens. Hören wir noch die Schreie der Mütter? Wie durchflutend war die Kraft, die sich inmitten von Blut und Schweiß ins Dasein drückte?

So elementar Phänomene wie Sex und Begehren sind, so elementar könnte auch ein entsprechender Theaterabend die Seele packen. Theater ist dann gut, wenn es in den Schlund der Persönlichkeit greift, wenn alle abstrakten Gedanken wie unter einem Brennglas nur eins treffen: Dich! Du bist der Hass, die Liebe, die Gewalt und der Frieden, spüre es!

Dem Stück „Und am Anfang war Sex. Oder warum wir aufbegehren" fehlt aber das brennende Fieber, das wie ein schwerer Stein in die Seele fällt. Und das bei diesem Thema. Schade.


Und am Anfang war Sex. Oder warum wir aufbegehren, 2., 22. und 23. Februar, WUK-Theaterquartier, jeweils 20 Uhr, www.wuk-theater.de 


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