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: Bühnen :: Die Phallokratie am Werke :
In der Kammer des Neuen Theaters läuft die Uraufführung von Leon Englers "Die Benennung der Tiere". Herausgekommen ist eine absurd-unterhaltende Inszenierung die es nicht immer schafft, die Komplexität des Stückes in Theatermagie zu verwandeln 

Text: Mathias Schulze, Bild: Falk Wenzel

Rote Kordeln rahmen die verdeckte Vitrine. Noch bevor das Theater beginnt, erinnert das Bühnenbild an ein Museum. Ja, gleich gibt es etwas zu bestaunen. Und schon hebt sich der Vorhang. In der gläsernen Vitrine hockt ein übergewichtiger Mensch. Am Kopf eine blutende Wunde. Der Ausblick ist freigegeben, das Publikum zur Museumsschau geladen. Wohlan, betrachten wir es, dieses Wesen namens Mensch. Das Brennglas, welches nun unsere Beobachtung ermöglicht und steuert, ist schlichtweg die Inszenierung von Leon Englers „Die Benennung der Tiere". Regie? Ronny Jakubaschk. Was gibt es zu sehen? 

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Helena eilt herbei, Bettina Schneider spielt sie hektisch, leicht entflammbar, sympathisch, unkonzentriert, der Grad zwischen Trauer und Freude ist schmal. Eine Durchschnittsfrau mit Geldproblemen, ein Rädchen im Getriebe. Immerhin erkennt sie die Not des Menschen in der Vitrine, der Produktetester Alexander (Nils Thorben Bartling) ist auf einer Leberwurststulle ausgerutscht und auf die U-Bahn-Gleise gestürzt. Er schwebt in Lebensgefahr. Helena greift zum Telefon, sie ruft einen Sicherheitsmann an.

Damit beginnt eine absurd-witzige Tragik, Slapstick inbegriffen. Alle potenziellen Helfer, die nun die Bühne bevölkern werden, bringen ihre eigenen Nöte und Nabelschauen mit. Darin verzetteln sie sich. Geholfen wird Alexander nicht mehr. Alle versuchen sich fortan nur selbst zu retten.

Die auf der Bühne erscheinende Elite, dieses eine Prozent der Weltbevölkerung, flüchtet, teils aus Langeweile, teils aus einer empfundenen Zudringlichkeit durch die restlichen 99 Prozent, in interplanetare Welten. Den Durchschnittsmenschen bleibt der Ozean der Traurigkeit, die Fluchtmöglichkeiten sind bescheiden, sie heißen Glaube, Mythos und Kunst. Siehe da, den Menschen an sich gibt es nicht! Dieses Wesen lebt in sozialen Gefilden, manche nennen sie Klassen, manche Schichten.

So einfach der Plot zu beschreiben ist, so ambitioniert ist das Stück aufgebaut. Die Inszenierung lebt von der experimentellen Artikulation, vom ungeheuren Dialogund Sprachwitz Leon Englers. Und vom Können des Schauspiel-Ensembles. Der Charakterstrip der Beteiligten und das Zusammenspiel von Musik und Gesang lässt eine surreale und bizarre Atmosphäre entstehen.

Durch das Stück weht eine Traurigkeit. Es ist, als würde eine tiefe Verzweiflung nur noch einen Ausweg kennen: mit spleenigen, schrulligen und kaprizös-wuchtigen Pfeilen wird aus der verwundeten Seele geschossen. So entsteht ein fieser Humor, der sich auch in der Gestaltung der Figuren widerspiegelt.

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„So entsteht ein fieser Humor. Mit spleenigschrulligen und kaprizös- wuchtigen Pfeilen wird aus verwundeten Seelen geschossen.“

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Helena ruft den Sicherheitsmann, auch ein Durchschnittsmensch. In mäandernden Dialogen erkennen sie schnell ihre eigenen Nöte, ihre Erlösungssehnsucht. Und da liegt es doch auf der Hand, dass dieser übergewichtige Mensch – in Wahrheit bestimmt ein Wal – also ein göttliches Zeichen ist. Welch eine Rettung! Ja, gleich muss er sie nur noch verschlingen und in ein glückliches Leben spucken. Also muss er gerettet werden! Und wen fragt man da am besten? Richtig, Elon Musk, den Unternehmensgründer und Multimillardär!

Nils Andre Brünnig spielt ihn herrlich selbstverliebt, gekleidet in seinem Geldanzug (Bühnen- und Kostümbild: Anna Sörensen) weiß er, wo noch neue Chancen lauern: auf dem Mars, auf der Venus, auf dem Jupiter. Da aber der Meeresspiegel im Ozean der Durchschnittstraurigkeit weiter steigt und Elon Musk nicht helfen kann, wird der König von Swasiland (Alexander Pensel) und später die Influencerin Chiara Ferragni (Nora Schulte) gerufen, schließlich hat die über 16,5 Millionen Follower.

Auch die Schriftstellerin Elfriede Jelinek (Elke Richter) kann anschließend nicht helfen: „Das ist mir alles zu real!" Toll ist es, wie Richters Jelinek überall die Phallokratie am Werke sieht. Es ist erstaunlich, wie passgenau die Elite- Karikaturen noch geradeso menschlich bleiben. So kippt die Satire nicht in eine schenkelklopfende Überzeichnung, so hört man trotz aller Überspitzungen noch ein menschliches Herz schlagen. Das ist ein großer Verdienst dieser Inszenierung. Auch die Uniformität der Elite wird durch die Kleidung angedeutet: Überall die gleichen Perücken, überall diese weiße Haut.

Als problematisch erweist sich etwas anderes. Die religiösen und geistesgeschichtlichen Anspielungen, die kapitalismuskritischen und soziologischen Gedanken, die seelischen Abgründe und die lächerliche Geisteswelt der Protagonisten dominieren den Plot. Also liegt der Reiz des Stückes in dem, was zwischen, über und unter der Handlung passiert. Kopfkino zum Selberbasteln.

Manchmal schafft es die Inszenierung aber nicht, alle Anregungen und Zwischentöne ins darstellende Spiel zu bringen. Dann überwiegen längere Monologe der Beteiligten, dann wird die Poesie und das Spiel zweitrangig, dann werden jene Gedanken, die auch durch atmosphäre Schwingungen übertragen werden können, direkt und explizit formuliert.

Und dennoch können wir, die Museumsbesucher, das Wesen namens Mensch unterhaltend bestaunen. Im Kopf nichts als Flausen, im Kopf die Ideen zur Weltenrettung. Doch im Körper lebt der vermaledeite Alltag der jeweiligen Klassen. Jeder versucht sich selbst zu retten. Siehe da, ein Mensch!

Die Benennung der Tiere, 16. Juni, Kammer des neuen theaters, 20 Uhr


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